Hitlerattentat 20. Juli: Ansprache von Prof. Dr. C. Illies zum Thema "Politik und Ethik"

Ansprache von Prof. Dr. C. Illies zum Thema "Politik und Ethik"

Heute vor 66 Jahren unternahmen einige Offiziere den Versuch, Hitler zu töten. Sie wollten Deutschland und die Welt von dem Nazi-Regime befreien, das so unendlich viel Tod und Leid gebracht hatte. Sie scheiterten. Hitler überlebte, aber mehr als 200 Beteiligte der Verschwörung wurden hingerichtet.

Das dürfen wir nicht vergessen: Sie handelten, weil sie die unbeschreiblichen Grausamkeiten dieses Regimes nicht länger zulassen wollten. Und sie wussten, dass der Tod der Preis sein könnte. Henning von Tresckow, eine zentrale Person der Widerstandsgruppe, schrieb in einem seiner letzten Briefe: “Wer in unseren Kreis getreten ist, der hat das Nessushemd angezogen.“

„Nessoshemd“, das ist nach der griechischen Sage ein Gewand, das mit tödlichem Gift getränkt war. Als Herakles es anlegte, wurde er von Schmerzen fast zerrissen und musste sterben. Dass ihnen dieses Schicksal drohte, wussten alle Verschwörer des 20. Juli. Aber sie wussten auch, dass dieser Preis nicht zu hoch war. Henning von Tresckow schreibt weiter: “Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Es gibt viele Gründe, warum wir die Verschwörer des 20. Juli nicht vergessen sollten. Einer ist, dass sie Vorbilder sind mit ihrem Mut und ihrer Tat. Sicher, wir können dankbar sein, in Zeiten zu leben, die solchen Heldentaten nicht nötig hat. Der Mut, den es heute braucht, um politisch zu handeln oder gegen herrschende Meinungen aufzustehen, ist sehr klein im Vergleich zu dem ihren. Und niemand muss ein Nessoshemd anziehen. Aber der große Mut der Verschwörer kann auch Vorbild sein für den kleinen Mut des alltäglichen politischen Geschäfts.


In dunklen wie in hellen Zeiten ist von ihnen jedoch noch etwas anderes zu lernen, was das grundsätzliche Verhältnis von Moral und Politik betrifft. Ich will vier Einsichten nennen, die sich mit ihrer Tat verbinden:


1. Politik muss ein ethisches Fundament anerkennen. Das ist die erste und offensichtliche Feststellung. Es gibt moralischen Prinzipien, vor allem die nach Achtung der Menschenrechte, aber auch die Ausrichtung auf das Allgemeinwohl, die eine unverzichtbare Grundorientierung für die Politik darstellen muss.

Über fast alles darf in der Politik gestritten werden, es ist legitim und gut, dass wir rivalisierende Überzeugungen und Konzepte haben, wie Probleme gelöst werden können. Von dieser Vielfalt lebt Politik, sie erst gibt Hoffnung auf neue Ideen und bessere Wege durch eine immer komplexere Wirklichkeit. Aber auch die größte Vielfalt muss dem moralischen Fundament verpflichtet bleiben.

2. Damit ergibt sich unmittelbar die zweite Einsicht, nämlich dass dieser moralische Rahmen selbst nie zur Disposition stehen darf. Den Vätern und Müttern des Grundgesetzes war das bewusst. Aus den Schrecken des 3. Reichs zogen sie die Konsequenz und formulierten die „Ewigkeitsklausel“ in Artikel 79 Absatz 3 des Grundgesetzes. Sie besagt, dass bestimmte Verfassungsprinzipien, wie die Achtung der Würde des Menschen, niemals geändert werden dürfen.

Das ist eigentlich etwas Ungeheuerliches: Hier wird in eine frei gegebene Verfassung etwas hineingeschrieben, was für alle Zeiten die Freiheit nehmen soll, einige Grundsätze noch einmal zu ändern. Als seien die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes nicht auf Papier geschrieben, sondern in Stein gemeißelt wie die Gesetzestafeln, die Moses am Berg Sinai empfing. Aber es bleibt eine unverzichtbare Einsicht: elementare moralische Prinzipien sollen jeder Politik vorausgehen und nicht von der Politik abhängen.

3. Wenn es richtig ist, dass wir in äußerster Not für die Moral sogar töten und unser eigenes Leben geben dürfen, ja müssen, so folgt eine dritte Einsicht. Das moralische Fundament ist mehr als nur eine Projektion gesellschaftlicher Vorstellungen. Denn nu dann können wir verstehen, warum moralische Grundprinzipien wie die Achtung der Menschenrechte von Menschen das äußerste fordern darf, was sie geben können: ihr Leben selbst.

Für eine bloße Tradition oder Konvention, für gesellschaftliche Präferenzen oder bloße moralische Meinungen sollten wir nicht bereit sein, unser Leben hinzugeben. Dafür ist das Leben eine zu wichtige Angelegenheit. Daher ist es auch vielleicht missverständlich, wenn Henning von Tresckow schreibt, dass der sittliche Wert des Menschen dort begönne, wo er bereit sei, für „seine Überzeugungen sein Leben hinzugeben“.

„Überzeugungen“ können zu wenig sein. Es muss um fundamentale moralische Prinzipen gehen wie die Menschenrechte, wenn es das Opfer eines Lebens wert sein soll. Und gerade für diese unbedingte Achtung vor dem Menschenleben waren ja die Verschwörer des 20. Juli bereit, das Nessoshemd anzulegen.

4. Das führt uns zum vierten und letzten Einsicht. Denn freilich ist es nicht einfach, immer zu wissen, was nur eine persönliche Überzeugung ist, und es sich um tatsächliche moralische Fundament unseres Handelns dreht. Es ist schwer, sich aus den Verstrickungen der eigenen Zeit zu lösen, um in voller Klarheit zu erkennen, was recht und was unrecht ist.

Wie leicht ist es für uns rückblickend anzuerkennen, dass der Versuch, Hitler zu töten, das moralisch legitime, richtige Mittel gewesen wäre, den Schrecken des 3. Reichs (vielleicht) zu beenden. Und doch haben viele Verschwörer lange mit sich gerungen. Sie mussten Skrupel, Zögerlichkeiten und alte Vorstellungen überwinden, bis sie sich zu der Tat entschieden. Dieses Ringen sollte und Bescheidenheit lehren: Gerade wer ernsthaft nach moralischen Orientierungen fragt, weiß um die Schwierigkeit, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Und gerade wer das Äußerte tun will, nämlich einen Menschen töten und sein eigenes Leben aufs Spiel setzen, braucht die festeste Gewissheit, dass es moralisch richtig ist, das zu tun. Denn es gibt auch den Fanatismus derer, die allzu gut und allzu schnell zu wissen meinen, was das Richtige ist. Auch davor müssen wir uns hüten.

Größe und Unbedingtheit der moralischen Forderung und Bescheidenheit hinsichtlich unseres Erkennens, beides lehrt uns die wichtige Erinnerung an den 20. Juli 1944.



Biographie Christian Illies

Prof. Dr. Christian Illies studierte Biologie (Diplom), Philosophie und Kunstgeschichte. Nach der Promotion über Kants Ethik in Oxford war er Hochschulassistent an der Universität Essen und habilitierte sich an der RWTH Aachen zu Begründungsfragen in der Ethik. Gastprofessuren an der University of Notre Dame (1999) und am ECLA Berlin (2001). Ab 2002 Universitätsdozent an der Technischen Universität Eindhoven, 2006 Professor für Philosophie der Kultur und Technik an der Technischen Universität Delft, seit 2008 Lehrstuhl für praktische Philosophie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Arbeitsschwerpunkte sind Grundlagen der Ethik (The Grounds of Ethical Judgement, Oxford 2003) und Themen der angewandten Ethik („Why should we help the poor? Philosophy and Poverty”, in: M. Boylan (Hrsg.), International Public Health Policy and Ethics, Berlin: Springer 2008). Dazu kommen Philosophie der Biologie (Darwin, Bamberg 2005, gemeinsam mit Vittorio Hösle) und philosophische Anthropologie (Philosophische Anthropologie im biologischen Zeitalter, Frankfurt 2006).


Anschrift:

Lehrstuhl für Philosophie II, Otto-Friedrich Universität Bamberg, 96047 Bamberg, An der Universität 2. (email: Email an Christian Illies )






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Zitat


„Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944)

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