Presseartikel: Grußwort der Freimaurerloge »Zur Verbrüderung an der Regnitz«

Grußwort der Freimaurerloge »Zur Verbrüderung an der Regnitz«

von Michael Ehlers

„Die Aufgabe des wahren Rechts ist es, dem Menschen die Freiheit zu geben, er selbst sein zu können.„

Dr. Thomas Dehler, Bamberg

© Foto: Mechthildis Bocksch

Liebe Ehrengäste,
Meine Damen und Herren,
liebe Kinder und Jugendliche,


Ich freue mich in Auftrag und im Namen unserer Freimaurerloge „Zur Verbrüderung an der Regnitz“ in Bamberg, Ihnen an dieser Stelle ein Grußwort senden zu dürfen.

Das Eingangszitat stammt vom großen Bamberger Politiker Dr. Thomas Dehler, der 1949 bis 1953 als Bundesminister der Justiz unsere humanistisch geprägte Demokratie maßgeblich mit aufbaute. Zu ihm später noch ein paar Worte.

Der Grund, warum wir alle heute hier sind, ist einer der dunkelsten Punkte der Weltgeschichte. Greueltaten von unglaublichem Ausmaß.

An diesem Punkt hier, dem Bamberger Bahnhof, wurden im November 1941 einhundertneunzehn (119) Bamberger Juden zum Einstieg in die Abteile der Reichsbahn gezwungen. Dem Vorgängerunternehmen der „Deutschen Bahn”, die sich heute erlaubt, für diesen Zug eine hohe Standmiete zu kassieren.

Unter den Deportierten waren viele Kinder und Jugendliche. Das Ziel des Zuges war die heutige Hauptstadt von Lettland, Riga. Das Ziel für die Deportierten aber war letztendlich ein Waldstück in der Nähe der Ostseestadt. Der größte Teil der Deportierten wurde dort im März 1942 erschossen.

Den lauten Nazis und ihren stillen Helfern hat es nicht gereicht, diese Menschen zu brandmarken und Ihnen schon das Leben auf Erden zur Hölle zu machen, nein, sie haben sich über das Leben gestellt und sie hingerichtet, einfach nur, weil Sie anders waren.

Sie haben es geschafft, eine Nation zu bauen, in der das Mitgefühl für den anderen Menschen ausgeschaltet wurde.

Ich selbst bin 1972 geboren und gehöre somit zu der sogenannten „Generation Golf”. Eine Generation, die eine humanistische Bildung geschenkt bekommen hat, die einen leeren Kühlschrank und das Gefühl von Hunger nicht kennt und der schon frühzeitig so wichtige Werte wie Menschenliebe und Toleranz vorgelebt wurden.

Dafür gekämpft hat zum Beispiel unser Bamberger Bruder Dr. Thomas Dehler. Der 1897 geborene Dehler hatte sich schon 1920 einer demokratischen Partei angeschlossen. Auch nach 1933 blieb er ein Gegner des Nationalsozialismus. Standhaft hielt er zu seiner jüdischen Frau Irma Frank und rettete ihr durch die „Mischehe” das Leben.

Er wurde zweimal verhaftet und auch in anderer Weise drangsaliert. Trotz erheblichem Druck der Nationalsozialisten wie auch der NS-dominierten Rechtsanwaltskammer hält Dehler aber nicht nur an seiner Ehe und an seinen jüdischen Mandanten fest, im Gegenteil - er übernimmt er auch Mandate von Regimegegnern. Im Stürmer wurde er daraufhin als „echter Judengenosse“ tituliert.

1946 ließ er unsere Freimaurerloge wieder zum Leben erwachen, da auch seine Brüder im Nationalsozialismus verfolgt wurden, sofern sie nicht dem toleranten und damals verbotenen Bund abschworen.

Er und viele weitere großartige Menschen haben nicht nur von einer friedlichen, freiheitlichen Gesellschaft geträumt, sondern sie haben gehandelt. Teilweise selbstlos und trotz stark aufkommendem Gegenwind.

Im Nationalsozialismus wurden vermutlich weit über eine Million Kinder durch die Bahnhöfe unserer Städte gefahren. Vorbei an vielen tausend Menschen, die vielleicht daran gedacht haben, zu handeln und diese Züge aufzuhalten. Aber sie haben es im Gefängnis der Ideologie nicht geschafft, zu handeln. Eine peinliche Geschichte unserer Vorfahren.

Sie aber, meine Damen und Herren von der Willy-Aron-Gesellschaft in Bamberg, Sie lieber Markus Raupach von Bamberg Guide und Sie die aktiven Mitglieder des Vereins „Zug der Erinnerung e.V.„ – sie haben gehandelt und sie handeln.

Handeln im Sinne der Menschen.

Sie lassen diesen Zug mit den Geschichten, Namen und Gesichtern der Deportierten - Opfer des Nationalsozialismus - durch unsere junge Republik fahren und schenken uns damit die Erinnerung an die schlimmsten Greueltaten der deutschen Geschichte. Ja – Sie schenken sie uns. Durch Ihren Einsatz bringen Sie die Kinder und Jugendlichen, z.B. der Maria-Ward-Schule dazu, sich nicht nur mit dieser grausamen Zeit theoretisch auseinanderzusetzen, sondern auch aktiv Ihre Zeit für die gute Sache zu opfern, um für diesen Zug der Erinnerung Spenden zu sammeln, indem Sie Kaffee und Kuchen auf dem Bamberger Marktplatz verkaufen.

Sie alle geben mit Ihrem Engagement den deportierten Kindern und Jugendlichen Ihre Würde zurück. Ihr Geist wird sicherlich mit diesem Zug mitreisen.

Helfen wir alle, dass dieser Zug weiterfährt – und dass er lange Halt macht in den Städten dieser Republik und unserem Bamberg.

Im Namen der Freimaurerloge Bamberg überbringe ich nicht nur ein Grußwort an Sie alle, sondern sage ausdrücklich DANKE für Ihr Engagement, für Ihr Handeln im Namen der Menschheit.




Grußwort zum „Zug der Erinnerung“ am 17.05.09 in Bamberg

Veranstalter:

Zug der Erinnerung e.V.

Markus Raupach
Bamberg Guide

Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e.V.
Dr. Nikolai Czugunow-Schmitt

 

Von Michael Ehlers
Freimaurerloge »Zur Verbrüderung an der Regnitz«


 

 

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