Presseartikel: FT-Interview: Die Reise in die Hölle hat sie verändert

FT-Interview: Die Reise in die Hölle hat sie verändert

Nach ihrer Rückkehr aus Auschwitz verstehen sich fünf Schüler des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums als „Botschafter gegen das Vergessen“. Sie bekommen den diesjährigen Zivilcourage-Preis der Willy Aron-Gesellschaft.

Bettina Dirauf hat immer noch einen Kloß im Hals, wenn sie über ihre Reise in die Hölle von Auschwitz erzählen soll. Dabei hat sie mit ihren Reisegefährten Josh Widera, Edda Jacobsen, Simon Salzmann und Sabrina Weigand schon einige Vorträge vor Schulklassen über ihre Erlebnisse gehalten. Bettinas Stimme wird rau, als sie über die nachhaltigsten Momente für die Schülergruppe des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums spricht: der unfassbare Anblick von Unmengen an Haaren, Koffern und Schuhen im Stammlager Auschwitz I, das spürbare Grauen an der Selektionsrampe und den Überresten der von der SS gesprengten Gaskammern in Birkenau, die zu Tränen rührenden Fotos, die die Opfer des Vernichtungslagers als Erinnerung an ihre Familien mitgenommen hatten.


Die Bamberger Schülergruppe mit ihrer Lehrerin Christa Horn in Auschwitz-Birkenau. © Foto: Markus Raupach


Besonders nachhaltig war für die fünf Gymnasiasten aber die Begegnung mit dem Zeitzeugen Josef Aron (75), einem Überlebenden des Holocaust. „Wie kann es möglich sein, dass er nach allem so gütig und herzensgut zu uns war?“, fragt Bettina fast gequält. Josef Aron war nach Auschwitz gekommen, um Abschied zu nehmen von seiner Mutter, die 1942 mit seinen neun Geschwistern dort umgebracht wurde. Er selbst kam nach der Trennung von seiner Familie in das KZ Bergen-Belsen. Dort musste der sechsjährige Josef schwer arbeiten, bis ihn ein SS-Mann bei einer Selektion aussuchte, mit anderen Jungen in ein Haus brachte und täglich misshandelte und vergewaltigte. 1945 befreiten ihn die Engländer. Josef Aron gab den Jugendlichen den Auftrag mit, diese Zeit nicht zu vergessen.

Die Geschichtsfachbetreuerin Christa Horn hatte ihre fünf Schüler und Schülerinnen auf diese Fahrt mit dem „Zug der Erinnerung“ begleitet. 120 weitere Jugendliche und zwanzig pädagogische Betreuer aus ganz Deutschland waren mit diesem Zug nach Polen gefahren. Die Willy Aron-Gesellschaft hatte der Bamberger Gruppe die Reise gesponsert. Der Vorsitzende Nikolai Czugunow-Schmitt freut sich darüber, dass dies gut angelegtes Geld ist. Denn die Fünf sind nach dieser Tour in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte verändert wiedergekommen. „Wir wollen als Botschafter gegen das Vergessen agieren“, betont Josh. Sie wollen der Öffentlichkeit „eine Ahnung davon vermitteln, was geschehen ist“. Noch seien die Schockmomente, die emotionale Achterbahnfahrt nicht ganz überwunden. „Doch mit der Zeit kann ich besser darüber reden“, meint Edda. Sie habe jetzt das Wissen, was rechter Terror bedeute. Und auch Josh ist sich sicher, dass er nun „mehr Ohr hat für rechte Sprüche“.

„Im Geist Willy Arons“

Die Willy Aron-Gesellschaft hat beschlossen, der Schülergruppe und ihrer Lehrerin den von ihr gestifteten „Zivilcourage-Preis 2010“ zu verleihen. „Sie haben diese schwere Reise nach Auschwitz auf sich genommen und berichten öffentlich darüber“, begründet Czugunow-Schmitt diese undotierte Auszeichnung. Diese neuen Multiplikatoren handelten „im Geist Willy Arons“, ergänzt er. Der Preis besteht aus einer goldenen Messingplatte mit entsprechender Widmung, die der Kölner Künstler Gunter Demnig schaffen wird. Demnig ist ebenso Vater der „Stolpersteine gegen das Vergessen“, die auch in Bamberg an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. „Wir fühlen uns geehrt, hatten aber nie die Absicht, so etwas herbeizuführen“, erklärt Josh für die Gruppe. Diese revanchiert sich am Tag der Verleihung, dem 20. September, mit drei neuen Stolpersteinen, die Gunter Demnig in der Luitpoldstraße verlegen wird. Sie sollen an drei Mitglieder der jüdischen Familie Walter gemahnen – Mutter, Tochter und deren zweijähriges Kind – die nach der Deportation aus Bamberg ihr Leben im KZ Riga verloren.

Nikolai Czugunow-Schmitt zeigt den Zivilcourage-Preis.
© Foto/FT mkh


Zur Vorbereitung ihrer Reise hatten sich die fünf Schüler und Schülerinnen intensiv mit den Schicksalen jüdischer Kinder und Jugendlicher beschäftigt. Stellvertretend für die unzähligen Leidensgefährten konzentrierten sich die Fünf auf die 1928 geborene Jüdin Helga Walter, die am 27. November 1941 vom Bamberger Sammelpunkt „Weiße Taube“ zum Bahnhof verfrachtet. Ihre Spur verliert sich im März 1942 eben im KZ Riga.


Kontakt

Die fünf Schüler und Schülerinnen des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums sind gern bereit, auch in anderen Schulen von ihren Erlebnissen in Wort und Bild zu berichten. Interessenten können sich an Studienrätin Dr. Christa Horn wenden: Kaiser-Heinrich-Gymnasium, Altenburgerstr. 16, 96049 Bamberg, Telefon 0951 / 952020-0, Fax 0951 / 95202050.


(Artikel von Marion Krüger-Hundrup, erschienen im Fränkischen Tag vom 28.7.2010, S. 11)





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